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Zu den Vielschreibern zählt Hans Jürgen Gerdekens ganz gewiss nicht, geschweige denn zu den Massenproduzenten der deutschen Literaturszene. So verwundert es nicht, dass drei Jahre ins Land gingen, bevor sein neuer Roman "Ostwestkonflikte" in den Buchläden erschien, sein drittes Werk, nach "Nordsüdgefälle" und "Ansichten einer Zimtstange".
Schon eher verwunderlich stimmt der außergewöhnlich geringe Umfang des Bandes - gerade mal 17 Seiten zählt das neue Buch, oder besser Büchlein, denn großformatig ist es mit ca. 10x8 cm weiß Gott nicht ausgefallen.
Was ist hier passiert? Wie kann ein Autor drei Jahre lang an 17 winzigen Seiten schreiben, die obendrein noch in riesengroßen, serifenlosen Lettern bedruckt sind? Inwieweit spielt der schiere Umfang eines Romans eine Rolle hinsichtlich der Qualität?
Ohne zu viel vorwegzunehmen: trotz der Kürze des Buches halte ich "Ostwestkonflikte" für eine der herausragensten Leistungen der deutschen Prosa der Nachkriegszeit. Wie komme ich zu diesem Urteil?
Zunächst ist der knappe Umfang des Romans positiv zu werten. Quälereien durch hunderte von langweiligen und nichtssagenden Seiten bleiben dem Leser in jedem Fall erspart. Eine Zigarettenpause oder ein Besuch auf dem stillen Örtchen genügen vollkommen, um den kompletten Roman gelesen zu haben. Raucher unter den Lesern mögen beides kombinieren.
Des weiteren wäre da das Format des Buches: Es passt in jede Hemden- oder Damenhandtasche und lässt sich vortrefflich als Telefon- bzw. Adressbüchlein weiterverwenden, wenn es ausgelesen ist, was ja, wie oben angemerkt, nur eine Sache von wenigen Minuten ist. Hier kann es außerdem von Nutzen sein, dass die gesamte Handlung im geteilten Berlin der siebziger Jahre spielt, es von Telefonnummern im Buch nur so wimmelt und der Autor klugerweise auf die Angabe der Berliner Vorwahl verzichtet hat. Erstens weiß die ohnehin fast jeder auswendig und zweitens kann die eine oder andere Nummer für diesen oder jenen Leser dann schon passen, oder sie muss nur noch geringfügig korrigiert und um den dazugehörigen Namen ergänzt werden: fertig ist der Telefonbucheintrag. Gerdekens Roman erhält auf diese Weise noch über Jahre hinaus einen praktischen Gebrauchswert - welche andere Prosa kann das von sich behaupten?
Ganz sicher keinem Zufall ist es zuzuschreiben, dass alle ostberliner Szenen des Romans auf Seiten mit ungerader, die westberliner Szenen auf denen mit gerader Seitenzahl abgedruckt sind. So wird die in anderen Werken so sträflich missachtete Buchmitte zum Symbol der Trennungslinie in einer geteilten Stadt. Form und Inhalt gehen eine Beziehung ein. Was sonst der bildenden Kunst vorbehalten bleibt, verwirklicht der Autor hier auf geschickte Art und Weise.
Stilistisch hat Gerdekens zu seinen Anfängen zurückgefunden. Von den blumigen Formulierungen, dem gekünstelt wirkenden Absätzen der "Zimtstange" fehlt in seinem neuesten Roman jede Spur. Die Romanhandlung, von der sich ein nicht unbeträchtlicher Teil in Telefonzellen abspielt, wird in präzisen, einfachen Worten geschildert. Pathos und Anklage bleiben dem Raum zwischen den Zeilen vorbehalten. Letzterer ist übrigens reichlich vorhanden - der Band ist in aberwitzig großem Zeilenabstand gesetzt, wohl nicht zuletzt, um sicherzustellen, dass der knappe Romantext ganze 17 Seiten ausfüllen kann.
Überhaupt zieht sich die Zahl 17 wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, sie kommt, teils als 71 verkleidet, in vielen der allerorts präsenten Telefonnummern vor. Was hat es mit der 17 auf sich? Es ist eine Primzahl, kein Zweifel, aber sonst? Wir wissen es nicht.
Was bleibt als Schlussbemerkung über "Ostwestkonflikte" zu sagen? Der Leser möge mir verzeihen, dass ich meine Kritik mit einer Platitüde beschließe, die jedoch besser als jedes andere Schlusswort auf den Punkt bringt, was Gerdekens Prosa zu einem Stück deutscher Literatur macht, das so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird: Klasse statt Masse!
Wer sich jetzt fragt, wer diesen blühenden Unsinn eigentlich geschrieben hat - ich bekenne mich dafür verantwortlich. Nachdem ich mit viel Vergnügen "Lauter Verrisse" gelesen hatte, wollte ich auch mal eine positive Kritik sehen. Also habe ich einfach selbst eine fiktive Buchbesprechung verfasst.
Den genannten Autor gibt es nicht, zumindest ist er mit Google nicht auffindbar. Falls es ihn doch gibt, und er lieber verrissen werden möchte, möge er sich bei mir melden.
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